post work society

Grundlagen

Die Frage, was Menschen tun, wenn Maschinen einen Großteil der Arbeit übernehmen, ist über 140 Jahre alt. Diese Seite ordnet die wichtigsten Ideen und Denker:innen: von frühen Utopien über eine Studie aus Österreich bis zu den Lagern der heutigen Debatte.

Zwei Wurzeln

Die Debatte hat zwei Ausgangspunkte. Der eine ist utopisch: Wenn die Produktivität steigt, könnten alle viel weniger arbeiten. Paul Lafargue, Bertrand Russell und John Maynard Keynes haben das jeweils auf ihre Art durchgerechnet, mit drei Stunden, vier Stunden oder einer vagen Andeutung von 15 Wochenstunden.

Der andere Ausgangspunkt ist warnend und kommt aus Österreich. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal (1933) zeigte, dass Menschen ohne Arbeit nicht aufblühen, sondern resignieren. Marie Jahoda, die Hauptautorin, beschrieb später, was Arbeit neben dem Lohn leistet. Diese Forschung wird bis heute fortgeführt, unter anderem an der Johannes Kepler Universität Linz.

Beide Wurzeln gehören zusammen: Weniger Arbeit kann befreien, aber nur, wenn das ersetzt wird, was Arbeit außer Geld noch gibt.

Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit

Lafargue überarbeitete seine Streitschrift 1883 im Gefängnis. Seine These: Drei Stunden Arbeit pro Person und Tag würden genügen, um alles Nötige herzustellen. Ein kürzerer Arbeitstag mache die Arbeit sogar produktiver.

Quelle: The Nation (Austin Kelley), 2005

Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs

In seinem Essay von 1932 rechnet der britische Philosoph vor, dass vier Stunden Arbeit am Tag ausreichen würden. Den Arbeitsethos hält er für eine Moral, die Abhängigkeit festschreibt. Muße sieht er als Grundlage von Kultur und Zivilisation.

Quelle: Connexions Library

Was Keynes wirklich schrieb

In „Economic Possibilities for our Grandchildren“ (1930) erwartete Keynes, dass Produktivitätsfortschritt das wirtschaftliche Grundproblem in etwa hundert Jahren lösen könnte. Zur Arbeitszeit schrieb er nur vorsichtig: „Three-hour shifts or a fifteen-hour week may put off the problem for a great while.“ Eine feste Vorhersage der 15-Stunden-Woche ist das nicht; zur Prognose zugespitzt wurde der Satz erst 1999 in der Zeitung Newsday.

Quelle: Quote Investigator, 2025

Die Arbeitslosen von Marienthal (1933)

Nach der Schließung der Textilfabrik im Februar 1930 untersuchte ein Forschungsteam von November 1931 bis etwa Mai 1932 das Dorf Marienthal bei Gramatneusiedl in Niederösterreich. Statt Aufruhr fand es eine „müde Gemeinschaft“: Die Arbeitslosen resignierten. Hauptautorin war Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld leitete das Projekt, den Großteil der Feldarbeit leistete Lotte Schenk-Danzinger.

Quelle: Universität Graz, AGSÖ-Archiv

Jahodas latente Funktionen der Arbeit

Neben dem Einkommen gibt Erwerbsarbeit fünf weitere Dinge: Zeitstruktur, soziale Kontakte, ein gemeinsames Ziel, Status und Identität sowie Aktivität. Eine Meta-Analyse aus 106 Studien (2023) bestätigt alle fünf; zusammen mit der finanziellen Lage erklären sie rund 19 Prozent der Unterschiede in der psychischen Gesundheit. Pensionist:innen fehlen diese Funktionen fast so stark wie Arbeitslosen.

Quelle: Paul u. a., Frontiers in Psychology, 2023

Forschung aus Linz

Paul und Batinic von der Johannes Kepler Universität Linz prüften Jahodas Modell 2010 an einer repräsentativen Stichprobe in Deutschland. Die Arbeit ist eine Vorstudie zur späteren Meta-Analyse. Damit führt eine Linie direkt von Marienthal 1933 nach Linz.

Quelle: JKU Linz, 2010

Drei Lager heute

Grob lassen sich heute drei Haltungen unterscheiden. Das erste Lager will Befreiung von der Arbeit: Lohnarbeit soll nicht länger das Zentrum des Lebens sein, Automatisierung soll freie Zeit schaffen.

Das zweite Lager will die Arbeit retten oder zumindest die Technik lenken. Seine Vertreter:innen betonen, dass die Richtung technischer Entwicklung eine politische Entscheidung ist, und setzen auf Technik, die Menschen ergänzt statt ersetzt.

Das dritte Lager fragt vor allem, wem die Maschinen gehören. Wenn Löhne als Einkommensquelle schrumpfen, wird Eigentum an Kapital zur entscheidenden Frage.

Kathi Weeks: The Problem with Work

Weeks argumentiert (2011), dass Lohnarbeit kein naturgegebenes Gut ist und auch Marxismus und Feminismus sie zu wenig hinterfragt haben. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen produktiv sein können, ohne an das Lohnverhältnis gebunden zu sein. Das Buch gilt als Grundtext des ersten Lagers.

Quelle: Duke University, 2011

Srnicek und Williams: Inventing the Future

Das Buch von 2015 stellt vier Forderungen auf: volle Automatisierung, eine kürzere Arbeitswoche, ein großzügiges bedingungsloses Grundeinkommen und den Abschied vom Arbeitsethos. Kritiker wie Jon Cruddas warfen ihm 2018 vor, den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Quelle: Wikipedia

Acemoglu und Johnson: Power and Progress

Die beiden Ökonomen zeigen (2023), dass technischer Fortschritt nicht automatisch allen nützt. Welche Richtung er nimmt, spiegelt die Interessen mächtiger Gruppen. Geteilter Wohlstand brauche bewusste politische Entscheidungen für Technik, die Arbeit schafft statt sie nur zu ersetzen.

Quelle: Hachette Book Group, 2023

Korinek und Suh: Szenarien für den Übergang

Das ökonomische Modell (2024) beschreibt einen Wettlauf zwischen Automatisierung und Kapitalaufbau. Bleiben menschliche Aufgaben nach oben offen, behalten Menschen Arbeit. Sind sie begrenzt und werden vollständig automatisiert, brechen die Löhne ein, und Einkommen hängt dann vor allem an Eigentum.

Quelle: arXiv, 2024

Realisten und Skeptiker

Zwischen Utopie und Warnung stehen Stimmen, die eine Welt mit wenig Arbeit für plausibel halten und nüchtern fragen, wie sie gut gelingen könnte. Ihnen widersprechen Skeptiker, die bezweifeln, dass Automatisierung überhaupt der Haupttreiber ist.

Dieser Streit ist offen. Wer recht hat, hängt auch davon ab, wie schnell und wie breit KI tatsächlich Aufgaben übernimmt.

Daniel Susskind: A World Without Work

Menschliche Jobs könnten denselben Weg gehen wie einst die Arbeit der Pferde, meint Susskind (2020). Als Antwort skizziert er einen starken, umverteilenden Staat, ein Grundeinkommen und Unterstützung bei der Suche nach Sinn. Das Buch stand 2020 auf der Shortlist für den Business Book Award von Financial Times und McKinsey.

Quelle: NHH-Rezension, 2020

John Danaher: Automation and Utopia

Danaher hält eine weitgehend arbeitsfreie Welt für möglich und nicht für eine Katastrophe (2019). Er schätzt, dass künftig 10 bis 40 Prozent der Bevölkerung erwerbstätig bleiben. Kritisiert wird, dass er offenlässt, wem die Systeme gehören und welche Umweltfolgen sie haben.

Quelle: Vector (BSFA), Rezension

Aaron Benanav: Automation and the Future of Work

Benanav bestreitet die Automatisierungsthese (2020): Die schwache Nachfrage nach Arbeit komme aus globaler Stagnation und Überkapazitäten, nicht aus Robotern. Folge sei Unterbeschäftigung in schlecht bezahlten Dienstleistungen. Seine Position ist umstritten; Kritiker werfen ihm vor, die Post-Work-Literatur zu knapp abzuhandeln.

Quelle: Labour / Le Travail, 2021

Peter Frase: Vier Zukünfte

Frase ordnet mögliche Zukünfte in ein Feld aus zwei Achsen: Überfluss oder Knappheit, Gleichheit oder Hierarchie. Daraus ergeben sich vier Szenarien, die er Kommunismus, Rentismus, Sozialismus und Exterminismus nennt. Die Idee erschien 2012 als Artikel, 2016 als Buch.

Quelle: P2P Foundation

Post-Work ist nicht gleich Grundeinkommen

Oft werden beide Begriffe gleichgesetzt. Doch eine Welt mit weniger Arbeit lässt sich auch über kürzere Arbeitszeiten, öffentliche Dienste oder neue Eigentumsformen denken. Umgekehrt kann ein Grundeinkommen bestehen, ohne dass sich an der Arbeit viel ändert.

Die Meta-Analyse zu Jahodas Funktionen (2023) kommt zu dem Schluss, dass ein Grundeinkommen das Arbeitsangebot kaum senken dürfte. In der deutschsprachigen Debatte hält etwa Lisa Herzog ein Recht auf Arbeit für aussichtsreicher als ein Grundeinkommen.

André Gorz 1994: Arbeitszeit statt Grundeinkommen

Gorz erklärte die Arbeitsgesellschaft 1994 für „faktisch tot“. Er forderte eine große, schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit, etwa alle vier Jahre, bei weitgehendem Lohnausgleich. Ein bedingungsloses Grundeinkommen lehnte er damals ab: zu niedrig wirke es als Lohnzuschuss, zu hoch als Ausstieg. Stattdessen schlug er eine zweite, zusätzliche Zahlung vor.

Quelle: taz, 1994

Stimmen aus Kirche und Nicht-Westen

Die Debatte wird nicht nur in Europa und Nordamerika geführt. Aus Japan kommt eine Verbindung von kürzerer Arbeitszeit und Klimaschutz, aus dem südlichen Afrika der Versuch, das Grundeinkommen mit der Ubuntu-Philosophie zu verknüpfen.

Auch die katholische Kirche hat sich 2026 mit einer eigenen Enzyklika zu KI und Menschenwürde zu Wort gemeldet.

Papst Leo XIV.: Magnifica Humanitas

Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. behandelt künstliche Intelligenz und Menschenwürde. Sie wurde am 15. Mai 2026, zum 135. Jahrestag der Sozialenzyklika Rerum Novarum, unterzeichnet und am 25. Mai 2026 veröffentlicht. Ein eigenes Kapitel widmet sich Wahrheit, Arbeit und Freiheit in einer Zeit des Umbruchs.

Quelle: Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, 2026

Kohei Saito: Slow Down

Der japanische Autor verbindet Degrowth mit dem späten Marx. Kürzere Arbeitszeiten sollen helfen, Emissionen zu senken; getragen werden soll der Wandel lokal und von Städten, mit Barcelona als Vorbild. Den Green New Deal hält er für unzureichend. Die englische Ausgabe erschien 2024.

Quelle: Publishers Weekly, 2024

Ubuntu und Grundeinkommen

Eine Online-Seminarreihe der Universität Freiburg und der University of Namibia verknüpft seit März 2024 die afrikanische Ubuntu-Philosophie mit Gesellschaftsvertrag und Grundeinkommen. Ubuntu steht dabei für ein Band der Zusammengehörigkeit. Beteiligt waren unter anderem Robert Esuruku (Makerere University) und Jurgen De Wispelaere.

Quelle: FRIBIS, Universität Freiburg, 2024

Deutschsprachige Debatte

Im deutschsprachigen Raum stehen mehrere Traditionen nebeneinander: die Empirie aus Marienthal und Linz, Positionen, die Arbeit verteidigen, populäre Grundeinkommens-Utopien und sozialethische Modelle.

Auffällig ist, wie unterschiedlich die Antworten auf dieselbe Frage ausfallen: von „Arbeit, die man wirklich will“ über das Grundeinkommen bis zu einem Recht auf Arbeit.

Frithjof Bergmann: New Work

Das Konzept entstand in den 1970er-Jahren und wurde in Flint, Michigan, nach dem Einbruch der Autoindustrie erprobt, wo das erste New-Work-Zentrum entstand. Bergmann meinte Arbeit, die Menschen wirklich wollen, als Kritik an der Lohnarbeit. Mit heutigen Personalmethoden unter demselben Namen hat das wenig zu tun.

Quelle: bpb / APuZ, 2023

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Precht sieht das Ende der Leistungsgesellschaft als Chance (2018); sein zentrales Instrument ist das bedingungslose Grundeinkommen. Armin Nassehi lobte in der FAZ die Kapitel zur Finanzierung, hielt die Kulturkritik aber für wohlfeil.

Quelle: Perlentaucher, 2018

Lisa Herzog: Die Rettung der Arbeit

Herzog hält dagegen (2019): Arbeit ist etwas Soziales und Gemeinsames. Sie fordert, dass die Politik die Digitalisierung gestaltet, und mehr Demokratie im Betrieb. Ein Recht auf Arbeit hält sie für aussichtsreicher als ein Grundeinkommen.

Quelle: FES Buch-Essenz, 2019

Peter G. Kirchschläger: Grundeinkommen mit Gemeinschaftszeit

Der Luzerner Sozialethiker erwartet einen starken Rückgang bezahlter Arbeit. Er schlägt ein an Bedingungen geknüpftes Grundeinkommen vor, das mit verpflichtender Zeit für die Gesellschaft verbunden ist. Damit versucht er, Einkommen und Zugehörigkeit zusammenzudenken.

Quelle: Universität Luzern, Interview 2025

Zum Weiterlesen

Zum Einstieg eignen sich eine kompakte Einführung, ein Buch über den oft übersehenen Teil der Arbeit zu Hause und eine frei zugängliche Bibliographie. Alle weiteren Titel auf dieser Seite sind ebenfalls verlinkt.

Hester und Stronge: Post-work

Eine Einführung aus dem Jahr 2025. Sie hinterfragt drei verbreitete Annahmen: dass Arbeit an sich gut ist, dass Identität aus dem Job kommt und dass jeder Job akzeptabel ist. Gut lesbar für den Einstieg.

Quelle: University of West London, Repository, 2025

Hester und Srnicek: After Work

Das Buch von 2023 rückt unbezahlte Haus- und Sorgearbeit ins Zentrum, den blinden Fleck vieler Automatisierungsdebatten. Echte freie Zeit, so die These, verlangt auch anderes Wohnen und andere Städte.

Quelle: Housmans, 2023

For Work / Against Work

Eine offene Online-Bibliographie der Macquarie University in Sydney, betreut von Jean-Philippe Deranty. Sie ordnet Literatur zu rund 100 Themen, etwa Automatisierung, Grundeinkommen, Vier-Tage-Woche und sinnvolle Arbeit. Die Inhalte stehen unter freier Lizenz.

Quelle: Macquarie University